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Risan

Auszug aus dem Buch:

Lis Schubert
Risan

Eine, die aufbricht zu reisen



Lis Schubert,
www.kunstundhoeren.de
lis.s@kunstundhoeren.de

Sonderausgabe
Kempten 2010











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Frauenbeichte




Nach dem Plane Gottes
soll die Frau Leben in sich
haben, sogar Leben in Fülle.

Der Frau ist das Leben
in besonderer Weise
anvertraut,
das natürliche Leben und
das übernatürliche,
das göttliche Leben.

In der Sünde
versagt die Frau,
wie einst Eva, hat nein gesagt
zum Leben.
Gott wird sie aber
im Sakrament der Barmherzigkeit
in Liebe aufnehmen.

Zum Kinde auserwählt
und
Undankbarkeit gezeigt.










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Der Smaragd




Ein spitzes Gesicht hat sie, etwas mager, die Augen groß und dunkel, die Augenbrauen wunderschön modelliert, die Lippen mit dunkelrotem Konturstift umrandet und heller ausgemalt, die dunklen Haare zum Schwanz gebunden mit einer goldenen Haarspange, die Haare streng aus dem Gesicht gekämmt. So sitzt sie da, die Picassofrau. Schön. Etwas nervös tippt sie Nummern ins Handy ein. Sie scheint sich zu langweilen oder eine Sms zu erwarten. Bedächtig zieht sie eine Zigarette aus der Schachtel und entzündet sie elegant mit einem billigen Gasfeuerzeug. Ihr Bier halb ausgetrunken, Spaghetti in Folie bestellt. Die Bestellung lässt auf sich warten. Keiner beachtet sie. Sie sitzt unbeteiligt im Bistro. Am Nebentisch eine etwas füllige Frau, knallrot gefärbte Haare. Scheint nicht mehr so jung zu sein mit ihren Ringen unter den blauen Augen, scheint Sorgen zu haben.
Ihre Bewegungen sind etwas bedächtig. Den Kaffee hat sie halb ausgetrunken, er ist schon kalt. Spaghetti in Spinatsoße bestellt. Die Picassofrau beobachtend denkt sie an ihren Liebsten. Seine Frau muss Ähnlichkeit mit dieser Picassofrau haben.
Risan hat Sehnsucht.


Risan trägt eine feine Smaragdkette, ein edles Stück. Smaragd: ein prismatischer Kristall aus Aluminium und Berylliumsilikat gewachsen, von hellgrüner Farbe. Nur sehr reine Kristalle werden als Schmucksteine verwendet. Der Steinerladen bietet zum halben Preis. Die Edelsteinverkäuferin war sehr bemüht. Mochte ihre kleinen Steinchen loswerden. Sie sind von einem selten satten Tiefgrün. Die Kette steht ihr gut. Sie hat sich was geleistet. Das Leuchten der Smaragde wird Risan aber nicht gut tun.
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Das Paradies




Der Smaragd: Ein Edelstein der Edelleute. Früher ließen sie sich vereinzelt in diesem Ort nieder. Die Edelleute der neueren Zeit. Verkehren in den Kreisen der Stahlindustriellen.

Der Schneider, der Jud, kleidete die feinen Leute ein. Noch kurz vor Ende dieser Untergangszeit ins Judenhaus der nächst größeren Stadt befohlen bis zum endgültigen Abtransport ins KZ. Der alte Mann.

Die Räume der Schneiderei dienen heute der Gastronomie. Spaghetti mit Spinat. Risan nimmt sich vor, etwas abzunehmen.
Das Rumsitzen tut ihr nicht gut. Die Portion ist etwas groß geraten, die Nudeln sehr heiß. Zuviel Salz. Heute noch nichts gegessen und so ist die große Portion doch recht. Spaghetti in Folie serviert. Die Picassofrau sieht verächtlich auf diese Riesenportion und tippt weiter gelangweilt Nummern ins Handy.

Am großen Tisch eine Frau. Die Haare zerzaust. Steht nervös auf, zieht ihre graue Jacke an, verabschiedet sich freundlich, um nach kurzer Zeit wieder den Raum zu betreten mit einer Tüte Popcorn. Blickt nervös im Raum umher, dreht sich einmal, verlässt den Raum wieder . Sie erinnert an jene, die im April kurz vor Kriegsende geboren wurde, deren berühmter Vater seiner kleinen Stadt ein geheimes Paradies beschrieb. Das geheime Paradies in dieser kleinen Stadt.
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Undankbarkeit

Es war einmal eine kleine rote Rose.
Sie war so jung und süß.
Er begehrte sie mit seinen Augen.
Der junge Mann pflückte die kleine rote Rose.
Es war einmal
eine kleine rote Rose.

Es war einmal ein kleiner junger Mann.
Er sprach: ich werde dein Herz brechen.
Die kleine Rose sprach:
ich werde dich stechen
in deinen süßen kleinen Hintern.
Der kleine junge Mann nahm
die kleine rote Rose .
Es war einmal ein kleiner junger Mann.


Es war einmal ein kleiner wilder Mann.
Sie wehrte sich gegen
diesen kleinen wilden Mann.
Er packte sie hart.
Sie stach ihn, aber
es nützte nicht zu widerstehen.
Es war einmal
ein kleiner wilder Mann.

Es war einmal
eine kleine rote Rose.
Kleine rote Rose. Du leidest.
Du musst leiden. Die Mutter
hilft dir nicht.
Es war einmal
eine kleine rote Rose.



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Liebschaft




Draußen, verkaufsoffener Feiertag. Herbsttag. Die Stadt ist voll mit Menschen, das Wetter ist nicht gut, regnerisch und frisch. Die Läden machen trotzdem gute Geschäfte. Blasmusik um die Ecke. Rosa, die Sizilianerin, steht am Stand. Hallo, du siehst so anders aus. Geht’s dir gut? Ich bin glücklich! Mein Sohn fängt eine Ausbildung an. Meine Tochter kommt in die Schule. Und du? Keine Lust, die Stimmung zu erklären. Risan verabschiedet sich eilig.

Rosa, jetzt verheiratet mit Hans. Mit neunzehn Jahren. Zuhause schikaniert. Der Vater schlägt mit der Axt auf das Mädchen ein, zum Glück nicht getroffen. Damals, als Rosa noch mit Liebschaften versuchte, auszubrechen aus der sizilianischen Enge der Familie.

Hochschwanger, Risan, die Nach-barin. Doch diese brachte Rosa, auch heimlich schwanger, ins Kran-kenhaus, als deren Blutungen uner-träglich wurden. Eine Strick-nadel, der Versuch die ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Der Frauenarzt war sehr verständnisvoll. Das werde er dezent erledigen. Der Vater macht sich Gedanken über das Befinden seiner Tochter. Was hatta meine Rosa? Was hatta meine Rosa? Er holt den Rat der Nachbarin. In Sizilien sei sie gut aufgehoben. Dort stehe sie unter Aufsicht. Die Großmutter werde sie behüten und das Klima werde ihr gut tun. Jedoch, der Vater beruhigt sich wieder. Rosa bleibt in Deutschland. Risan half, die sizilianische Tradition herbei zuführen.

Hans war ihr Neuer. Der Bluessänger mit seiner sonoren Stimme und seinem ausdrucksvollen Gitarrespiel. Keiner in der Stadt konnte seine Gefühle ausdrücken wie er. Das Jugendhaus war seine Heimat. Dort war er umringt von staunenden jungen Menschen. Hans, das unbeschriebene Blatt, der bescheidene Dicke. Seine Leidenschaft war der Blues..
Von hundert Kilo auf Normalgewicht runter trainiert verliebte er sich in Rosa. Die kleine Rosa, die Arbeitskollegin, die er jetzt beschützen wollte und ihr ein schönes Leben ermöglichen. Mutter und Schwester halfen die Liebenden zusammenzuhalten.
Die Nachbarin, vom Sizilianer aus dem Schlaf gerissen: Wo isse meine Rosa? Wo isse meine Rosa? Eine Nacht beim fremden Mann, der Bruder vermittelt. Die Tradition muss eingehalten werden – es wird geheiratet.. Die Hochzeit sehr aufwendig. Das teure neue weiße Brautkleid. Die Großmutter brachte es aus Sizilien mit. Die große sizilianische Verwandtschaft reiste an. Risan als gute Nachbarin wurde eingeladen. Sie nahm ihre Kinder mit.
Der Brautvater versuchte beim Spaziergang Risan zu betatschen.




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Der Feind




Draußen die Auflösung des turbulenten Treibens auf dem Platz. Das Fest hat ein Ende. Der dritte Tag im Oktober. Die Stadt war voll mit Menschen, die an diesem Tag Zeit und Ruhe hatten, in den Geschäften nach Waren zu stöbern und den verschiedenen Musikgruppen und Theatervorführungen zuzuschauen.

Alte Männer und sehr junge mussten sich einst hier versammeln, die letzte Hoffnung für das Tausendjährige Reich. Vor dem alten Schloss mitten in der Stadt. Die große Mobilmachung. Risans Familie wartete zuhause auf den alten Vater. Wird als letzte Reserve eingezogen. Muss einen Zwangsarbeiter vom Lager zur Autoelektrikfabrik begleiteten. Der Pole hat Glück, er spricht ein wenig Deutsch. Der weite Weg verlangt eine kleine Pause. Kommt aus dem Norden, seine Familie, verschleppt. Weiß nicht wohin. Der alte Mann ist geduldig, hört sich alles an, spricht trotz Verbots mit dem Polen und schämt sich. Seine Frau zuhause hört ihm zu. Sie tuscheln. Die große Kinderschar soll nichts mit-bekommen. Nein, wir haben nichts gewusst. Besser keine Nachrichten hören. Man weiß dann nicht alles.



Der Krieg ist auch in die kleine Stadt gekommen. Die Chemische am Fuß des Berges wird bombardiert.
Die Bombensplitter schlagen durch das Haus der Großeltern. Das Kind wird durch eine zufällige Bewegung nicht getroffen. Sie haben im Keller beten gelernt.
Du wirst auch noch beten lernen!

Die älteste Tochter, auf Kinderverschickung, sieht die Bombardierung vom sicheren Bunker der Nazifamilie oben auf dem Berg. Damals, als sie im Ferienlager für kinderreiche Familien die Bombardierung der nahegelegenen Stadt miterlebt, schreien sich die Stadtkinder in Panik, die in Berlin und anderswo die Häuser in Flammen aufgehen sahen und alles verloren hatten. Jetzt war es auch nicht mehr abzuwenden, auch wenn die Amerikaner das in gefährlicher Nähe gelegene Elternhaus treffen sollten. Der Krater hinter dem Haus diente lange Jahre als Mülleimer der Stadt.

Die Nachbarn sind in den sicheren Wald, der Feind nähert sich. Man hört nichts Gutes. Plünderungen. Schützt eure Frauen und Mädchen! Die Nachbarn berichten: Entlaufene Kzler, aus dem nahegelegenen Lager, diese Juden, holten sich schon immer, was sie brauchen. .
Diese und ein Franzose werden wegen Plünderung standrechtlich erschossen. In panischer Angst verlassen die Bewohner der kleinen Siedlung mit Leiterwagen und dem Nötigsten zum Essen ihre Häuser. Der Kreisleiter, der Obernazi, ruft zum Widerstand gegen den Feind auf. Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende. Der Führer hat noch eine Geheimwaffe! Oben in den Bergen wird die Festung gebaut. Der Führer hat noch einen Trumpf.
Die Älteste muss doch zurück in die kinderreiche Familie des Kreisleiters, den Haushalt führen. Der Krieg sei doch zu Ende und die Tochter will jetzt zuhause bleiben. Das Pflichtjahr? Die erste Pflicht der weiblichen Jugend ist es, nach der Schule den überlasteten Müttern und Bäuerinnen zu helfen. Das Pflichtjahrmädel soll sich selbst hauswirtschaftlich ertüchtigen und körperlich kräftigen!

Die verpissten Betten der feinen Kreisleiterskinder im kalten Fluss auswaschen. Der Obernazi, der.
Das Mädchen wird schließlich vom Arbeitsamt geschickt und mit sechshundert Reichsmark pro Jahr bezahlt. Lehrjahre sind keine Herrenjahre und ein Vergnügen soll das Pflichtjahr auch nicht sein. Die Tochter soll die Arbeit in der Fremde richtig schätzen lernen und dankbar sein. Hausarbeit ist die Grundlage für ein gesundes und glückliches Familienleben. Deutsche Zucht und Ordnung.



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Mitleid




Geduckt und zusammengedrängt versteckten sich die Menschen der kleinen Stadt in der einzigen Unterführung, als der Feind einmarschierte. Die Franzosen und Marokkaner. Grüß Gott, Herr Franzos!

Ein junger Mann, in einer zerfetzten stinkenden deutschen Uniform, neben Urgroßmutter, bedrängt sie um Hilfe, will mitgenommen werden. Er habe Hunger und brauche Unterschlupf. Er verfolgte sie und es gelang ihm schließlich, Einlass in ihre Wohnung zu bekommen. Urgroßmutter wusste um das Risiko. Die Nachbarn werden es schon nicht merken. Ein paar Tage ausschlafen, ein Bad, etwas zum Essen, was man auf Marken so alles bekommt, und neue Kleider. Der eigene Sohn braucht sie nicht mehr. Den jungen Mann nach zwei Tagen wieder auf die Straße geschickt, wohlgenährt, gekräftigt und mit neuen Kleidern ausgestattet.
Französische Einheiten durchstreifen die Gegend. Der Zug hunderter junger deutscher Soldaten zieht an den Bewohnern der Stadt vorbei. Abgekämpft, ängstlich, junge Männer, die Söhne Deutscher Mütter.


.....


Spuren




Der weiße weiche
Schnee klebt am Fenster,
lässt seine Tropfen fallen
auf die unberührte weiße Decke.
Die Kinder in ihren bunten Anzügen
legen sich in den Schnee
und bilden
mit ihren ausgestreckten Armen und Beinen
unschuldige Engelsflügel.
Auf, ab, auf, ab.
Selbstvergessen.

Das Vorrecht
der Kindheit
in Anspruch nehmend.

Eine große Gruppe der Engelsgebilde
stimmt in den Chor
der Glückseeligkeit ein.
Fernab jeglicher Verpflichtung.
Der Versuch eigene Spuren zu legen.
Die Spuren in der Stille,
die Spuren der Stille.

Leichter Schnee fällt.
Er bedeckt die Kindheit
mit seiner Unschuld.
Es wird wieder schneien.
Dicke weiße Schneeflocken.
Den weißen Bären
kümmert das nicht,
denn der weiß
um die Geheimnisse des Lebens.

Der alte Mann vertreibt
schneeschaufelnd
die Geheimnisse des Zaubers.

.....

Kindheit


Die Landwirtschaftliche Berufsschule liegt an der Straße zur Stadt. Die Freundin kommt jeden Morgen vorbei, auf dem Weg zur Arbeit. Ausgehen darf sie nur mit ihrem Vater. Der erfreut sich an den jungen Menschen, ihrer Lebenslust.
Lässt die Jugend tanzen. Tanzen in eine neue, schönere Zeit.
Verhindern kann er das Unglück nicht. Er macht gute Miene zum bösen Spiel.

Die Mutter kennt keine Gnade. Schonung gibt es nicht. Wäsche der großen Familie muss die Schwangere nach Feierabend waschen, in ihrem Zustand geeignet, ihre Sünden abbüßen. Auch ist es ihr nicht vergönnt, im Bett zu kreißen. Auf einem schiefen Sofa im katholischen Entbindungsheim kommt die Tochter zur Welt. Hochzeit nach dem Tod der Urgroßmutter ein Jahr später, im schwarzen Kleid. Selbstgenäht. Aus schwarzem Samt. Das hatte sie gelernt bei der alleinstehenden Schneidermeisterin, die ihr half ihr schönstes Kleid zu nähen. Ein kleines Schleierhütchen auf ihrem schwarzen, gewellten Haar. Stolz war sie darauf.
Sie war eine schöne Braut.
Rote Rosen als Brautstrauß. ................